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Dienstag, 17.3.2026

  • mbergdolt
  • 19. März
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 20. März

Der Dienstag startet für mich damit, dass ich in Ruhe in der Bibliothek arbeiten kann, während unsere deutschen Schüler am Unterricht teilnehmen. Die Bibliothek ist ein länglicher Raum ohne Fenster zur frischen Luft, etwas kleiner als ein Klassenzimmer. Aber natürlich gibt es hier trotzdem Fenster, nur eben nicht zur freien Natur, sondern zu angrenzenden Bereichen der Schule. Sie ist ein „gefangener Raum“ im Inneren des Schulgebäudes mit Ausblick in die Aula. Damit vorbeiziehende Schüler das „Innenleben“ nicht zu sehr beeinträchtigen, gibt es großflächige Rollos, um Einblicke wahlweise etwas abzuschirmen. Eine gute Lösung, um die inneren Bereiche des Schulgebäudes zu nutzen.



Nach einiger Zeit kommen ein paar Schüler in die Bibliothek und recherchieren zu Martin Luther King. Andere schauen sich das Regal mit den Neuzugängen im Buchbestand an. Und wer hier beispielsweise an einer Präsentation arbeiten möchte, kann das auch tun. PC und Beamer mit Leinwand stehen aufgebaut zur Verfügung.


Nach dem Mensabesuch um 10.30 Uhr warte ich noch etwas, dann nimmt mich eine Lehrerin mit ans Gymnasium von Haapajärvi. Sie arbeitet an beiden Schulen und ist im Gymnasium auch die stellvertretende Schulleiterin. Ich erfahre, dass es in Finnland durchaus üblich ist, dass Lehrkräfte an mehreren Schulen arbeiten und zwischen diesen ständig pendeln.


Ich erhalte eine lange und intensive Führung durch das Gymnasium, bekomme Einblicke in das finnische Schulsystem und die Gestaltungsmöglichkeiten beim Abitur. Verpflichtend ist für alle nur das Fach Finnisch. Dazu müssen weitere vier Fächer ausgewählt werden. Nur eines dieser weiteren Fächer muss vom Stundenumfang her wie ein Leistungskurs in Deutschland besucht werden. Das gibt den Jugendlichen viele Gestaltungsmöglichkeiten und zwingt beispielsweise nicht dazu, sich im Fach Mathematik einer Abiturprüfung unterziehen zu müssen.





Ich darf auch einige Lehrkräfte des Gymnasiums kennenlernen. Mit dem Englischlehrer unterhalten wir uns länger über die Frage, ob und wie Computer in all ihren Erscheinungsformen in den Unterricht integriert oder eher gemieden werden sollten. Auch ich werde zu meinen Ansichten befragt. Wir stimmen alle darin überein, dass das Schreiben mit der Hand dem Tippen oft vorzuziehen ist, weil das Gehirn bei dieser Schriftausübung intensiver beteiligt ist und dies als lernförderlich anzusehen ist.


Und überhaupt: Computer. Oft heißt es über die skandinavischen Länder, dass diese in der Digitalisierung der Schulwelt weit vor uns liegen und wir hier aufholen müssen. Doch die aktuelle Entwicklung ist hier eine andere. Man „verbannt“ Computer und Handys auch wieder zunehmend aus dem Unterricht, weil das Ablenkungspotential zu groß ist. Handys müssen beispielsweise von allen Schülern gleich morgens abgegeben werden. Die Lehrkräfte haben dafür kleine Trageboxen und bringen diese dann mit den Handys in einen eigens dafür reservierten Raum der Schule, der dann auch stets abgeschlossen ist. Am Ende des Schultages erhalten sie die Handys zurück. Das hat, so die Auskunft mehrerer Lehrkräfte, sehr zu einer erhöhten Konzentration in den Unterrichtsstunden und zu besseren Lernergebnissen beigetragen. Auch das soziale Leben unter den Schülern hat davon profitiert. Jeder Klassenraum hat auch eine fest installierte Dokumentenkamera. Ein Whiteboard gibt es jeweils zusätzlich.


Ein weiteres Thema, das uns im Gespräch am Gymnasium beschäftigt, ist eines, das auch bei uns in Deutschland diskutiert wird. Es geht um die Ergebnisse der PISA-Studie und darum, dass Finnland hier mittlerweile auf einem „absteigenden Ast“ ist. Der gelegentlich geäußerten Vermutung, das hätte ursächlich mit einem zunehmenden Migrantenanteil im Unterricht zu tun, wird hier klar widersprochen: An den Schulen in Haapajärvi gibt es keine Schüler mit Migrationshintergrund und trotzdem werden die Leistungen schlechter. Es wird hier ein Zusammenhang mit dem Mediennutzungsverhalten der Jugendlichen gesehen.


Am Abend bin ich bei Hannah und ihrem Mann zum Essen eingeladen. Ich überlege, was ich als kleine Aufmerksamkeit kaufen könnte und entscheide mich für Kaffee (Die Finnen sind Weltmeister im Kaffeetrinken) und Schokolade. Als ich durch den Supermarkt gehe, sehe ich eine Schokoladenpulversorte („O’boy“), die ich von vor vielen Jahren in Schweden noch kenne. Es kommen schöne Erinnerungen an die damalige Kanu-Tour auf. Natürlich landet das in meinem Einkaufskorb ;-)


Als ich dann abends zu Hannah laufe, ist es bereits annähernd dunkel. Ich verpasse eine kleine Abzweigung und gehe zu weit. Als es immer einsamer um mich herum wird, kommt mir das komisch vor. Das Roaming, welches ich bisher nicht brauchte, weil es hier nahezu überall W-Lan gibt, ist deaktiviert und mir ist das in dem Moment nicht bewusst, weil ich das Handy erst kurz vor der Reise neu bekommen habe. Also kein google-maps. Ich fotografiere ein Straßenschild, um einen Anhaltspunkt zu meinem Standort zu haben. Gerade in dem Moment ruft mich Hannah an. Ich spreche den Namen der Straße glücklicherweise so aus, dass ich verstanden werde und wir können die Situation klären.


Nach einem wirklich leckeren Abendessen, zu dem auch Varpu noch erschienen ist und nach interessanten Gesprächen, breche ich in die finnische Nacht auf. Das Angebot, gefahren zu werden, nutze ich bewusst nicht. Es ist schön, durch die sternenklare und kalte Nacht zu laufen. Die Gedanken kreisen um die Erlebnisse des Tages und ich erreiche zufrieden und müde meine Unterkunft.


Matthias


English version:


Tuesday, March 17, 2026My Tuesday begins with the opportunity to work quietly in the library while our German students attend classes. The library is an elongated room without windows to the outside, somewhat smaller than a classroom. Of course, it does have windows, just not overlooking the outdoors, but rather adjacent areas of the school. It's an "enclosed space" within the school building, with a view into the auditorium. To prevent passing students from disturbing the "inner workings" too much, there are large roller blinds to partially block the view. A good solution for utilizing the interior spaces of the school building.



After a while, a few students come into the library and research Martin Luther King. Others look at the shelf with the new additions to the book collection. And anyone who wants to work on a presentation, for example, can do so. A computer and projector with a screen are set up and available.


After eating in the cafeteria at 10:30 a.m., I waited a while, and then a teacher took me to the Haapajärvi Gymnasium (high school). She works at both schools and is also the deputy headmistress at the Gymnasium. I learned that in Finland it's quite common for teachers to work at several schools and commute between them.


I received a long and thorough tour of the Gymnasium, gaining insights into the Finnish school system and the options available for the Abitur (university entrance exam). Finnish is the only compulsory subject for everyone. Students must also choose four other subjects. Only one of these additional subjects must be taken at the same level of intensity as an advanced course in Germany. This gives students a lot of flexibility and, for example, doesn't force them to take an Abitur exam in mathematics.


I also had the opportunity to meet some of the Gymnasium's teachers. We had a longer conversation with the English teacher about whether and how computers in all their forms should be integrated into lessons or avoided. I was also asked for my own opinions. We all agree that handwriting is often preferable to typing because the brain is more intensely engaged during this activity, which is considered beneficial for learning.


And speaking of computers: it's often said that the Scandinavian countries are far ahead of us in the digitalization of schools and that we need to catch up. However, the current trend is different. Computers and cell phones are increasingly being banned from classrooms because the potential for distraction is too great. For example, all students have to hand in their cell phones first thing in the morning. Teachers have small cases for this purpose and take them, along with the phones, to a designated room in the school, which is always locked. The phones are returned at the end of the school day. According to several teachers, this has significantly contributed to increased concentration during lessons and improved learning outcomes. The social life among the students has also benefited.




Each classroom also has a permanently installed document camera. There is also a whiteboard in each classroom.


Another topic we discussed at the high school is one that's also being debated in Germany. It concerns the results of the PISA study and the fact that Finland is now on a downward trend. The occasionally voiced assumption that this is due to an increasing proportion of students with a migration background is clearly refuted here: In the schools in Haapajärvi, there are no students with a migration background, and yet performance is declining. A connection is seen here with the media consumption habits of the young people.


In the evening, I was invited to Hannah and her husband's house for dinner. I considered what I could buy as a small gift and decided on coffee (the Finns are world champions at coffee drinking) and chocolate. As I walked through the supermarket, I saw a type of chocolate powder ("O'boy") that I remembered from many years ago in Sweden. Fond memories of that canoe trip come flooding back. Of course, it ends up in my shopping basket ;-)


When I walk to Hannah's place that evening, it's already almost dark. I miss a small turn and go too far. As it gets increasingly deserted around me, it feels strange. Roaming, which I haven't needed so far because there's Wi-Fi almost everywhere here, is deactivated, and I'm not aware of it at the time because I only got my phone shortly before the trip. So, no Google Maps. I take a picture of a street sign to get a reference point for my location. Just then, Hannah calls me. Luckily, I pronounce the street name clearly enough for her to understand, and we're able to sort things out.


After a really delicious dinner, which Varpu also joins us for, and some interesting conversation, I set off into the Finnish night. I deliberately don't accept the offer of a ride. It's beautiful to walk through the starry, cold night. My thoughts drift back to the day's experiences, and I reach my accommodation, satisfied and tired.


Matthias

 
 
 

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